Die Entdeckung der Langsamkeit

Ein Kapitel des lesenswerten Buches von Ronald Reng ist überschrieben mit „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Und hier werden Aspekte des Laufens betrachtet mit denen ich es in der Trainingssteuerung auch immer wieder zu tun habe. Trainingspsychologie ist vermutlich der passendere Begriff. Der Autor beschreibt in seinem Buch wie er das Laufen als ehemaliger Wettkampfläufer wiederentdeckte. Das bedeutet natürlich, dass er auch nach vielen Jahren Laufpause noch einen gewissen Ehrgeiz mitbringt. Nach meiner Erfahrung muss man aber nicht unbedingt ein früherer Klasseläufer gewesen sein, um sich mit Ehrgeiz und Eitelkeit die Früchte der eigenen Arbeit zu verhageln. Auf seinem Weg zurück zum Läufer beschäftigt sich Reng mit Ernährung, mit Verletzungen, mit Trainingskonzepten, mit Laufen in jedem Alter, mit Persönlichkeiten, die den Laufsport geprägt haben und mit seinem ganz persönlichen Erleben dabei. Ein für mich besonders interessantes Kapitel war jenes, in dem er sich einer Spiroergometrie unterzieht, einer Analyse der Atemgase unter steigender Belastung auf einem Laufband. Das Ergebnis ist eine Trainingsempfehlung nach der Reng, der frühere sehr ambitionierte Sportler, ca. 80 Prozent seiner Trainingskilometer im Schneckentempo zurücklegen soll. So empfindet er es zumindest: „Ich opfere mein Selbstwertgefühl für Sie, liebe Leser.“ Die Wahrnehmung des Autors ist nicht nur persönliches Empfinden. Es geht sehr vielen so. Nicht nur, aber vor allem Männern. Und vor allem denen, die nach einigen erfolgreichen Jahren mit Beruf und Familie irgendwann feststellen, dass der eigene Körper nicht mehr der eines 20jährigen ist. So beginnt man zu laufen und läuft natürlich so schnell wie es eben vor 10, 20 oder 30 Jahren selbstverständlich war. Aber auch jüngere und ambitionierte Läufer laufen vielfach die langsamen Einheiten zu schnell und die schnellen dann zu wenig intensiv. Der konsultierte Leistungsdiagnostiker beschreibt seine Beobachtung, bei 1000 Messungen seien 995 Klienten bei ihrem Basistraining zu flott unterwegs. Nur sehr wenigen Kunden könne man mitgeben, dass ein schnelleres Tempo gut möglich sei. Mich interessierte dieses Kapitel besonders, da ich seit meinem Studium an der Deutschen Sporthochschule im Rahmen von Dutzenden von Seminaren zur individuellen Gesundheitssteuerung und im Rahmen von persönlichen Coachings Hunderte von Teilnehmern und Klienten begleitet habe, denen es ganz genau so ging. Hier wird zwar keine Spiro eingesetzt, das Ergebnis und die Botschaft einer einfachen Laktatmessung zur Steuerung der Intensität für den Gesundheitssport ist aber identisch: „Sie machen zu schnell!“, “Die nächste Runde bitte mit etwas weniger Schlägen auf der Pulsuhr!“ Aus der Perspektive des Gesundheitspsychologen ist es interessant zu beobachten, wie wir Menschen häufig lange gar nichts tun und dann, vielleicht vom schlechten Gewissen getrieben: viel zu viel. Die Trainingsphilosophie lautet oftmals „Viel hilft viel!“ oder „Damit etwas passiert muss es wehtun.“ Die Konsequenzen sind leider sowohl im Gesundheitssport als auch im Wettkampfsport häufig mangelnde Trainingserfolge und damit auch nachlassende Motivation bis hin zu Überlastung und vermehrten Verletzungen. Das muss nicht sein. Ein hilfreicher Schritt kann eine professionelle und objektive Leistungsdiagnostik / Trainingssteuerung sein. Den meisten fällt es schwer, ohne objektive Daten den nicht sehr neuen und nicht sehr hippen Empfehlungen „lang und langsam“ oder „Laufen ohne zu Schnaufen“ Folge zu leisten. Es ist immer wieder spannend zu sehen wie diejenigen, denen es gelingt sich zu bremsen Erfolge feiern und auch in weiteren Gesundheitsparametern Verbesserungen erzielen. Wie steuern Sie Ihr Training? Nach Gefühl, mit einer Pulsuhr, mit oder ohne GPS? Lassen Sie sich von einem Personal Trainer unterstützen, arbeiteten Sie mit Trainingsplänen oder laufen Sie einfach los? Alle Möglichkeiten können funktionieren. Alle haben Vorteile und Nachteile und am Ende kommt es schlicht darauf an, ungefähr im Richtigen Tempo in Bewegung zu kommen. Das ist und bleibt die Hauptsache. Ich glaube ich werde die beiden betreffenden Kapitel einrahmen und zum nächsten Seminar mitbringen. Bleiben Sie erfolgreich gesund und immer in Bewegung. Mit sportlichen Grüßen Ihr Stephan Brauner

Dazugehöriger Literaturtipp

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